Ein Auftrag

Behutsam bahnte sich Altair den Weg durch die Menge. Es war Mittag und gerade Hochbetrieb in den Straßen des Marktviertels von Jerusalem. Die Luft flimmerte. Es gab passendere Zeitpunkte für ein Attentat, doch das Sammeln der benötigten Informationen hatte sich als unerwartet schwierig erwiesen. Sein Ziel, so wusste der Assassine, musste heute erledigt werden; bevor es sich zur Beratung mit den Fürsten der anderen Kreuzfahrerstaaten zurückzog. Der Meister hatte Informationen erhalten, durch wen auch immer, dass bei diesem Treffen womöglich ein Angriff auf einen von Sarazenen gehaltenen Ort geplant werden würde. Ein Unterfangen, dass dem Frieden im Outremer sicherlich nicht zuträglich wäre. Das fernbleiben eines der wichtigsten Mitglieder dieses Rates würde den Assassinen Zeit verschaffen. Zeit die Altair, so glaubte er, zuvor vertrödelt hatte, mit dem Ausspionieren seines Ziels.
Doch zuvor wollte er noch etwas besorgen. Etwas, dass den kargen Assassinenfras, den er täglich zu sich nahm, etwas aufpeppen würde. Er war genügsam, das hatte man ihm in all den zahllos scheinenden Jahren eingetrichtert. Doch irgendwo kannte seine Genügsamkeit auch Grenzen. Zielsicher, schnell und doch von seinen Mitmenschen nicht weiter wahrgenommen glitt Altair auf die hellblaue Markise eines Standes zu, der sich an die Wand eines der zahllosen weißen Häuser in der Metropole schmiegte.

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„Feinste Gewürze aus aller Welt! Feinste Gewürze!“, rief Salif mit seiner alten krächzenden Stimme. Sie konnte das Schwatzen der Menschenmasse und die wettbewerbserprobten Rufe seiner Konkurrenten nicht übertönen. Zahllose Leute gingen an seinem Stand vorbei, ohne auch nur die geringste Notiz zu nehmen. Der Gewürzhändler hatte bisher noch kein einziges Gramm seiner kostbaren Zutaten an den Mann bringen können, obwohl er direkt nach Sonnenaufgang seinen Stand hier eröffnet hatte. Kein einziger Dinar füllte bisher seine ohnehin schon knapp bemessene Kasse. Das hatte er in seinen über vierzig Jahren Berufsleben noch nie erlebt. Trotz der Markise, war die Hitze unerträglich. Fliegen surrten um den alten Mann, nach Schatten suchend, den sie in seinem Turban auch fanden. Salif hatte aufgehört sie zu verscheuchen. Er schloss die Augen und erinnerte sich an die guten alten Zeiten. Damals, als die Zölle niedriger waren, es kaum Steuern für Händler gab, als noch keine Kriege finanziert werden mussten. Damals…
Eine leise aber deutliche Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wenn ihr heute noch etwas verkaufen wollt, solltet ihr wieder in diese Welt zurückkehren.“
Salif sah sich einem Mann gegenüber, dessen Nahen er gar nicht bemerkt hatte. Er hatte eine seltsame weiße Robe an, fast wie ein Mönch, und doch schien er keiner zu sein.
„Verzeiht mir“, erwiderte der Händler mit einem zahnlosen Lächeln, „ich war nur gerade eingedenk der guten alten Zeiten, als der Krieg dieses Land noch nicht…“
„Wollt ihr mir nicht nun endlich etwas verkaufen?“, unter brach ihn der vermummte Mann sanft aber bestimmt, und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort: „Ich hätte gern einen halben Scheffel getrockneten Rosmarins und einen Achtelscheffel Safran.“
„Ja, ja“, entgegnete Salif hastig und füllte zwei kleine Leinensäckchen mit den geforderten Waren. „Diese Zimtstange gebe ich euch kostenlos dazu“, ergänzte er und legte besagtes daneben. „Das macht dann…“, begann er und dachte kurz nach. Doch bevor er fortfahren konnte hatte er schon einen nicht unerheblichen Betrag an Dinaren in der Hand. „Stimmt so“, kam es von seinem Gegenüber. Fassungslos starrte der alte Mann in seine Handfläche. Selbst an guten Tagen hatte er selten so viel verdient. An einem ganzen Tag versteht sich.
Er sah auf und setzte zum ausgiebigen Dank an, doch der Mann war verschwunden. Mit ihm gegangen waren die beiden Leinensäckchen mit den Gewürzen. Die Zimtstange lag noch da.

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Behutsam bahnte sich Altair den Weg durch die Menge. Die Luft flimmerte. Allmählich wurden die Straßen breiter, die Menschen verteilten sich, er kam in das Zentrum der Stadt. Er schaute gen Himmel. Sein Blick blieb an der üppig vergoldeten Kuppel des Felsendoms hängen, die glänzend das Sonnenlicht reflektierte. Für so etwas hatten die Reichen immer Geld, aber wenn es einen Krieg zu finanzieren galt, nahmen sie es von den Armen. Altair senkte seinen Blick und begutachtete den großen Platz vor ihm. Eine kleine Menschenkarawane hellte sein Gemüt auf. Der letzte Teil seines Auftrages würde sich wohl als der einfachste erweisen. Vor ihm, keine fünfzehn Meter entfernt schritt sein Ziel auf dem Weg in den Palast, begleitet von vier Wachen. „Selbst in der Stadt fühlen sich die Großen nicht mehr sicher“, dachte sich der Assassine. Zu Recht!
Die Gruppe hielt auf eine schattige Seitengasse zu, die letzte Etappe zum Haupttor des Palastes. So musste der Fürst wenigstens nicht durch die Menschenmassen. Auch Altair bewegte sich unauffällig in eine kleine Gasse, die eine Abkürzung zu der schattigen Gasse darstellte. Rasch erklomm er das erste Geschoss eines angrenzenden Hauses, setzte sich dort auf den Fenstersims und wartete wie ein Falke auf seine Beute. Sein Ziel bewegte sich nun geradewegs auf ihn zu. Die Wachen nahmen keine Notiz von dem Jäger, der in seiner weißen Kluft perfekt vor der hellen Hausfassade getarnt war. Ein letztes Mal atmete Altair aus. Irgendwo schlug eine Kirchenglocke. Den Wachen schien es als würde sich die Hausfassade bewegen. „Die Hitze“, dachten sie sich.
Altair schnellte vor und stürzte sich drei Meter in die Tiefe. Noch im Sprung schnellte die Klinge an seinem Handgelenk hervor. Den Bruchteil einer Sekunde später bohrte sie sich schon tief in den Hals seines Opfers und durchtrenne in einem Zug Muskeln, Halsschlagader und Luftröhre. Blut spritzte. Die Wachen waren überfordert und brachten keinen Laut heraus. Erst als sich der Assassine mit langen Schritten davon machte, begannen sie sich zu bewegen und nahmen die Verfolgung auf.
Altair gelangte wieder auf die Marktstraße und mischte sich in die Menschenmassen. Darin war er geübt, hier würde er seine Verfolger abhängen können. Er blickte sich um. Die Menschen bildeten eine Schneise hinter ihm, sodass die Wachen den Mörder gut sehen konnten. Rasch schlossen sie auf. Die Menge lärmte. Altair warf den zusammengerollten Teppich eines persischen Händlers um. Die vorderste Wache stürzte. Die anderen strauchelten. Vorsprung!

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Salif räumte seine Waren zusammen. Keiner hatte etwas nach dem ominösen Mönchsverschnitt gekauft. Er gab auf. Mehr gab es heute sowieso nicht zu verdienen. Die handvoll Dinare würde für eine Woche ohne Darben reichen. Ein plötzlicher Tumult in der Menge lies den alten Mann aufhorchen. Ein Spalt in der Menge tat sich auf er trat hinein, um kurz darauf von einer weiß gekleideten Person umgerissen zu werden. Auch der Rempler stürzte, fing sich aber elegant mit einer Rolle ab. Salif erkannte seinen großzügigen Kunden wieder. Dieser nahm sich die Zeit ihm kurz zuzuzwinkern. Dann rannte er weiter. Salif erhob sich langsam. Eine stählerne Hand ergriff unsanft einen Arm. „Wo ist das Schwein hin, alter Mann?“, fuhr ihn das dazugehörige behelmte Gesicht an. Wortlos zeigte der Händler auf eine Seitengasse. Danklos ließ ihn die Hand los. Die Wachen verschwanden in die gezeigte Richtung. Schnell packte Salif seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg in Richtung Haupttor. Nicht der Weg, den er den Wachen gezeigt hatte.

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Behutsam bahnte sich Altair den Weg durch die Menge. Die Luft flimmerte. Die Hatz schien vorüber. Die Wachen waren ihm nicht mehr auf den Fersen. Irgendetwas oder irgendjemand musste sie von seiner Spur abgelenkt haben. Das Haupttor kam rasch näher. Noch war es offen. Jetzt hieß es um keinen Preis auffallen. Inmitten einer kleinen Menschengruppe passierte der Assassine das eiserne Fallgatter. Er hatte es geschafft. Er griff in die Tasche in den sich die beiden Leinensäckchen befanden. Mit Vorfreude dachte er an sein Abendbrot.