Kapitel 2

Kapitel 2

Toulouse Stadtkern, Frankreich
5. Mai 2260 A.D.
6:17 Uhr

In ihren Träumen denkt Trassia an Altaïr. In den wenigen Wochen seit denen sie ihn kennt ist er viel mehr für sie geworden als nur ein Vorfahre. Mit der Zeit begann sie die Philosophie der Assassinen, ihre Beweggründe und ihre Methoden zu verstehen. Am Anfang war es ihr absolut unklar wie jemand sein Leben in Gefahr bringen konnte, nur um einem altem Mann dabei zu helfen seine Macht zu festigen und auszudehnen. Schließlich wandelte sich diese Abscheu jedoch zu einer krankhaften Faszination, und letztendlich auch zu Verständnis. Allerdings bemerkte sie auch schnell die Unterschiede der Assassinen von damals und heute. Damals waren nur hochrangige Personen ihre Opfer. Der Rest erledigte sich fast von selbst. Heutzutage greifen die Assassinen fast nur noch in Gruppen an und bringen nichts als Zerstörung. Ihre Tatwaffen sind nicht mehr der Dolch oder eine andere Klinge, sondern Sprengstoffe und Schusswaffen. Viele Unschuldige sind schon bei diesen Angriffen gestorben. Sie fragt sich immer wieder ob sie sich damals den Assassinen angeschlossen hätte, oder ob sie sie damals so abscheulich gefunden hätte, wie sie sie heute findet. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken kann wird sie aus ihren Träumen gerissen. Es ist Michael, der sie drängt endlich aufzustehen. Auch ihn hielt sie einst für so abstoßend wie die Assassinen. Zwar hatte er ein Aussehen, was besser nicht hätte sein können, mit seinem durchtrainierten Körper, wohl verpackt in einem schwarzgrauen, von Taschen mit technischen Geräten, von denen Trassia nicht einmal die Hälfte als etwas wieder erkannte, was sie schon einmal gesehen hätte, übersäten Armeeanzug seiner Spezialeinheit, den braunen Augen und den kurzgeschorenen schwarzen Haaren, doch seinen Charakter fand sie abstoßend. Er redete immer nur davon, wie er die Assassinen alle eigenhändig abschlachten wollte, was er ihnen antun würde. Zuerst verstand sie seine Reaktionen nicht, doch eines Tages erzählte er ihr, warum er so eine Wut hatte: Seine gesamte Familie wurde zu Beginn des Konfliktes vor seinen Augen von den Meuchelmördern umgebracht. Er selbst hatte es gerade noch geschafft sich zu verstecken. Schon damals, als er noch sehr jung war, hatte er sich immer gefragt, warum das geschehen ist. Keiner aus seiner Familie war politisch aktiv gewesen oder hat irgendetwas getan, was die Assassinen gestört haben könnte. Und bis heute hatte er keine Antwort darauf bekommen. Mittlerweile ist nur noch seine Wut übrig geblieben. Viele hatten deswegen Bedenken ihn als Anführer der Gruppe, die sich nur A-Force nannten, einzusetzen. Doch in allen Tests bewies er, dass er trotz seiner Wut doch immer überlegt handeln konnte.
„Bist du bereit?“ fragt er sie, ohne darauf zu warten bis sie richtig wach ist. „So bereit wie immer“, ist ihre Antwort, woraufhin sie wieder zu Jonathan gehen, der bereits auf sie wartet. Nachdem sie den engen grauen Anzug angezogen hat, legt sie sich in die Maschine unter den Plexiglasdeckel auf dem zuerst „Project Assassins“ aufblinkt, was dann aber später einem Menü Platz macht, in welchem man zwischen „Animus Festplatte“, „Animus Erinnerungen“, welches angewählt ist und unter dem der Schriftzug „Zugriff auf das genetische Gedächtnis“ erscheint, und „Animus Optionen“ wählen kann. Michael blickt noch einmal zu Trassia und geht dann zu Jonathan rüber. Dieser überprüft noch mehrere Anzeigen auf dem Pult vor sich und murmelt zu sich selbst: „Herzschlag: Normal. EEG: Normal. Blutdruck: Leicht erhöht. So wie immer.“ Dann spricht Michael noch in ein Mikrofon zu Trassia, die ihn nur über einen kleinen Lautsprecher in der Maschine hören kann.
„Schlaf schön, Kleine.“ Sie hasst es, wenn er sie so nennt.
„Nenn mich noch mal so und du darfst dich von deiner Zunge verabschieden!“, ist deshalb ihre schroffe Antwort.
„Wir beide wissen, dass du das nicht tun wirst.“, sagt er noch leicht amüsiert. Dann wählt sie über das Visier die Option zum Zugreifen auf ihr genetisches Gedächtnis mittels Augenbewegungen aus und aktiviert sie, indem sie zwinkert. Kurz darauf fällt sie in einen tiefen Schlaf.

*

Umland von Jerusalem, Palästina
5. Juni 1191
kurz vor Sonnenaufgang

Noch vor Sonnenaufgang bin ich wieder auf den Beinen. Heute wird es nach Damaskus gehen, eine Stadt, die direkt am Gebirge liegt. Wenn ich schlafe lege ich nur meine Waffen aus Sicherheits- und Bequemlichkeitsgründen in Reichweite ab. Deshalb schnappe ich sie sofort, nachdem ich mein weißes Gewand wieder übergestreift habe, und lege sie an. Das schwarze Gewand verstaue ich daraufhin in der Satteltasche meines Pferdes, welches im Schatten einer Palme schläft, wecke es auf und sattle es. Dann steige ich auf und reite los. Ich beeile mich. Schließlich muss ich noch Informationen über mein Opfer sammeln. Nach einigen Stunden Ritt komme ich zu einem kleinen Dorf. Selbst aus der Entfernung sehe ich, dass überall Leichen herumliegen und dass einige Männer gerade dabei sind diese in einem Massengrab zu beerdigen. Ich beschließe hier mal nach dem rechten zu sehen. Auf der Flucht kann man nie wissen, wann einem eine gute Tat nützlich sein kann. Als ich in das Dorf reite, ziehe ich sofort alle Blicke auf mich und werde zum Zentrum der Aufmerksamkeit.
„Was ist hier geschehen?“
Ich kann mich nicht lange mit Smalltalk aufhalten; immerhin ist mein eigentliches Ziel Damaskus.
„Räuber! Sie kamen mitten in der Nacht und nahmen sich alles, was auch nur irgendwie von Wert war. Wer nicht schnell genug war, wurde entweder mit dem Schwert niedergestreckt, oder noch während der Flucht von einem Pfeil erwischt.“
„Wo sind sie lang?“
Der Mann, der mir erklärt was passiert ist, zeigt Richtung Norden zum Gebirge. Noch bevor er seine Hand wieder senken kann bin ich schon unterwegs. Die Spuren der Räuber sind nur noch schwer zu erkennen. Doch glücklicherweise gab es seit dem Überfall keinen Sandsturm, der die Spuren restlos verwischt hätte. Deshalb ist es kein großes Problem die Räuber zu finden. Ihre Spuren führen direkt zu einer Oase, die in einem Tal verborgen liegt - anscheinend ein dauerhaftes Lager. Da ich nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen will, steige ich von meinem Ross und binde es an einem verdorrten Baum an. Daraufhin schleiche ich in Richtung Lager. Allerdings wäre es zu auffällig das Lager durch den Hauptzugang zu betreten. Aus diesem Grund beschließe ich eine Anhöhe direkt neben dem Lager zu erklimmen. Ich habe nicht viel Zeit, schließlich wird mein nächstes Ziel nicht ewig in Damaskus verweilen und immerhin soll ich ihn noch auf dem Marktplatz erledigen. Deshalb muss ich schnell handeln. Ich zähle 5 Räuber. Ihren Anführer könnte ein Blinder von Jerusalem aus erkennen. Seine Rüstung ist golden und aufwendig verziert, wohingegen die Anderen nur eine leichte Lederrüstung tragen. Somit ist mein Plan klar. Ich nehme etwas Anlauf und springe herunter, mitten in das Lager. Dort lande ich, wie geplant, auf einem Fass und beginne sofort den nächsten Sprung. Noch während ich meine Beine etwas anwinkle ziehe ich meinen linken Arm nach hinten und lasse meine Handgelenksklinge hervorschnellen. Der Anführer der Räuber erkennt gerade, dass ich auf ihn zuspringe und will seine Klinge ziehen. Doch ich bin schneller. Ich lande mit meinen Füßen auf seiner Brust und stoße ihm noch in derselben Bewegung meine Klinge in den Hals daraufhin drehe ich sie noch etwas, damit das Herausziehen leichter geht. Als ich die Klinge wieder entferne , kommt mir noch eine kleine Blutfontäne entgegen, woraufhin sein Körper zusammensackt und sich um ihn herum eine Blutlache bildet. Sein Gefolge steht wie angewurzelt da. Die Hände am Knauf ihrer Klingen, aber unfähig sich zu bewegen - und das ist ihr Fehler! Ich nehme meine Miniarmbrust vom Rücken und schieße dem Ersten genau ins Auge. Der Bolzen bleibt genau in seinem linken Auge stecken. Noch bevor ich zusehen kann, wie er umfällt, wende ich mich bereits meinem nächsten Gegner zu. Ich lasse meine Armbrust fallen und ziehe mein Kurzschwert, welches ich dem Räuber, der mir am nächsten steht, in den Bauch ramme. Dann drehe ich auch hier wieder die Klinge damit ich sie leichter wieder herausziehen kann und die Wunde sich unmöglich ohne ärztliche Hilfe wieder schließen kann. Die letzten beiden Räuber erwachen aus ihrem Schockzustand und ziehen ihre Schwerter. Der erste Schlag soll gegen mein Bein gehen, doch ich blocke ihn mit Leichtigkeit ab und nutze diese Situation direkt für einen Konterangriff. Ich gehe noch in der Blockbewegung seiner Klinge aus dem Weg und führe meine eigene an der meines Widersachers auf ihn zu. Als ich beim Handschutz angelangt bin, schlage ich ihm direkt ins Gesicht, woraufhin er kurz taumelt. Dann setze ich mein linkes Bein ein Stück nach hinten, schwinge mein Schwert herum und köpfe ihn, woraufhin sein Kopf mit starrem Blick blutend im grün der Oase landet und sein Körper ihm folgt. Der letzte Gegner greift mich von hinten an. Seinen Schwerthieb kann ich gerade noch parieren, doch direkt darauf schlägt er mir mit voller Wucht ins Gesicht.

*

Toulouse Stadtkern, Frankreich
5. Mai 2260 A.D.
7:23 Uhr

Trassia schreit auf, allerdings nur in ihren Gedanken. Sie wird nicht aus ihrer Erinnerung gerissen, doch sie spürt den Schlag deutlich und ihre Sicht verschwimmt und flackert genauso wie, wenn Altaïr in ihrer Erinnerung nur einen Passanten anrempelt, aber länger als die scheinbar normalen Interferenzen, die von Zeit zu Zeit für den Bruchteil einer Sekunde ihre Sicht trüben. Für Trassia ist das ein ganz neues, und unerwartetes Gefühl. Bisher konnte Altair immer noch ausweichen. Und Trassia ist erstaunt, dass auch sie den Schlag spürt, wie Altaïr ihn zur damaligen Zeit wohl gespürt haben muss.

*

Umland von Jerusalem, Palästina
5. Juni 1191 A.D.
kurz nach Sonnenaufgang

Ich erhole mich schnell von dem Schlag. Gerade als mein Gegenüber zustechen will, nehme ich meine Klinge und gehe an ihm vorbei, wobei ich seinen Oberkörper von seinen Beinen trenne. Dann gehe ich noch einmal zu ihrem Anführer und schlage ihm den Kopf ab. Meine Arbeit hier ist getan. Deshalb gehe ich wieder zu meinem Pferd, und reite zurück zum Dorf.
Den abgetrennten Kopf erhoben kehre ich in das verwüstete Dorf zurück. Ich teile den Dorfbewohnern mit, wo ihre Besitztümer sind und setze daraufhin meinen Weg nach Damaskus fort.

Der Rest der Reise verläuft ohne Zwischenfälle. Und nach einer kurzen Weile bietet sich mir ein einzigartiger Anblick:
Mitten im Wüstensand erhebt sich Damaskus. Schon von weitem kann man die imposante Architektur erkennen und als ich näher komme, erkenne ich auch die eindrucksvollen, geschwungenen Verzierungen. Die Sonne lässt die gesamte Stadt erstrahlen und bringt den Palast eindrucksvoll zur Geltung. Wie wundervoll muss diese Stadt erst einem Wanderer vorkommen, der schon seit Tagen kein Wasser mehr gesehen hat und nun seine Rettung vor sich sieht.
Noch vor Sonnenuntergang erreiche ich das Stadttor, welches gerade repariert wird, und reite hindurch. Ich binde mein Pferd vor einer kleinen Schenke an und betrete diese. Ich hoffe in der Kneipe ein paar Gerüchte aufzuschnappen. Ich bestelle mir einen billigen Wein und belausche die Gespräche der anderen Gäste. Und ich bekomme schnell mit, dass es sich lohnt. Denn wie es aussieht ist der Herrscher von Damaskus, al-Malik al-Adil Nur ad-Din Abu al-Qasim Mahmud Ibn 'Imad ad-Din Zangi, von den Meisten kurz „Nur ad-Din“ genannt, nicht gerade sehr beliebt und einige Bürger planen bereits ihn umzubringen. Auf der einen Seite kann ich das nicht zulassen, denn er muss durch meine Klinge sterben. Auf der anderen Seite können mir diese paar Bürger auch dabei helfen mein Ziel zu ereichen. Deshalb beschließe ich, mich zu ihnen zu gesellen.
„Ich habe mitbekommen, dass wir die selben Interessen verfolgen“, beginne ich das Gespräch.
Der größte von den vier rebellischen Bürgern, ein muskulöser schwarzhaariger Mann, schaut mich entsetzt an: „Achja, wer sagt das?“
„Ich sage das.“
„Und warum sollten wir dir glauben? Vielleicht wäre es am besten, wenn ich dir deine Zunge rausschneide um zu verhindern, dass du uns verrätst!“ Das ist genau die richtige Sorte von Mann, die ich benötige. Aufbrausend und sofort gewaltbereit.
„Das wäre der größte Fehler deines Lebens. Und er würde dich daran hindern deinen Plan auszuführen.“
„Ich würde dir ja zu gerne die Chance geben zu beweisen, dass du auf unserer Seite bist. Doch ich kann nicht riskieren, dass du die Kneipe hier verlässt und uns verrätst.“
Mit dem Ende des Satzes zieht er ein Messer und geht auf mich los. Ich reagiere sofort und gehe mit einem Schritt auf ihn zu. Dabei weiche ich mit einer Drehung der Klinge aus und schlage ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Dieser Idiot hat mit dieser Aktion dafür gesorgt, dass wir jetzt der Mittelpunkt der Kneipe sind. Und aus Erfahrung weiß ich, dass Aufmerksamkeit das letzte ist, was man vor einem Attentat braucht. Allerdings ist der Kampf dank meines Schlages auch schnell wieder vorbei und die anderen Leute wenden sich wieder ihren eigenen Problemen zu.
Ich nehme meinen sauren Wein und setze mich daraufhin auf den Platz, den mein Angreifer zuvor besetzt hatte. Die anderen drei Leute blicken mich nur stumm an. Währenddessen trinke ich in aller Ruhe meinen Wein weiter und warte darauf, dass der große böse Wolf, der noch bewusstlos neben meinem Stuhl liegt, wieder aufwacht.
Als er sich endlich hochrappelt, scheint er nichts dazu gelernt zu haben: „Du sitzt auf meinem Stuhl!“
„Und, was willst du jetzt dagegen tun? Will der große böse Mann mich angreifen?“, verspotte ich ihn daraufhin. Mit einem Murren lenkt er ein.
„Nun gut. Mir bleibt wohl nichts andres übrig als mit dir zusammen zu arbeiten.“ Das war das erste Vernünftige, was der Typ gesagt hat, seit ich ihn gesehen habe. Nicht einmal sein Plan, den ich vorhin bereits mitgehört habe, ist vernünftig. Doch ich habe meinen eigenen Plan. Allerdings werde ich den Niemandem verraten.
„Also, es läuft folgendermaßen ab: Morgen Mittag wird unser geliebter Herrscher wieder in Begleitung seiner vier Leibwachen nach Jerusalem reisen. Wir werden ihn erledigen, wenn er es am wenigsten erwartet: auf dem Marktplatz. Ali und Ashan hier“, er zeigt auf die zwei etwas kleineren Männer am Tisch, „werden von den Dächern aus mit der Armbrust die ersten beiden Wachen erledigen. William hier“, er zeigt auf einen blonden Mann, der eindeutig nicht von hier kommt, „und du werden die beiden verbleibenden Wachen töten. Wenn die Wachen tot sind, werde ich Nur ad-Din mit meinem Schwert den Kopf abschlagen.“
Obwohl mir der Plan überhaupt nicht gefällt, willige ich ein. Dann miete ich mir noch ein Zimmer und warte auf den nächsten Morgen.