10. Auf der Jagd

Al-Mualims Reaktion auf die Vorgänge hatte nicht lange auf sich warten lassen, fiel jedoch anders aus, als sie dachten. Der Meister bat Malik, die Brüder zur Ruhe aufzurufen, und lediglich die Straßen von den Kriegstreibern und Waffenhändlern zu säubern, ohne dabei großes Aufsehen zu erregen. Maysaf war noch nicht bereit, der Mittelpunkt eines schnellen Feldzuges zu werden und so konnten sie etwas Zeit gewinnen. Früher oder später würde ein Attentat auf eine der führenden Personen in der Stadt nicht mehr zu verhindern sein, aber Al-Mualim dachte gar nicht daran, sich aus der Reserve locken zu lassen. Seine Gedanken weilten gerade bei Amir, als dieser lässig an die Theke gelehnt im Laden seines Freundes auf Befehle wartete.

 

Malik hatte die Nachrichten des Meisters mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Er war noch nicht lange genug Verbindungsmann in Jerusalem, um sich das Vertrauen aller Assassinen, die sich derzeit in der Stadt aufhielten, zu erwerben. Sicher, die jüngeren unter ihnen sahen mit Respekt zu dem Mann auf, der so schnell eine tragende Position erhalten hatte, die älteren aber, zu denen auch Turfah al Ashab gehörte, begegneten ihm aber immer noch mit Vorsicht. Viele waren unzufrieden mit Al-Mualims Entscheidung und warteten ungeduldig darauf, bedeutendere Aufträge zu erhalten, als einen einfachen Prediger in einer dunklen Gasse das Leben zu nehmen.

Malik hatte lange die Vor- und Nachteile abgewogen und war schließlich zu dem Schluss gekommen, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Für ihn war jeder Auftrag ehrenvoll und wichtig und er gedachte dies den Zweiflern klarzustellen, indem er selbst sich in den staubigen Straßen herumtrieb und unauffällig einige Ziele verschwinden ließ.

"Als hätte ich nicht schon genug Probleme!" dachte er still bei sich.

 

Amir hatte sich entwickelt, er kannte Jerusalem besser als Malik selbst und instinktiv spürte der Ältere, dass es an der Zeit war, den Schüler richtige Arbeit tun zu lassen. Der Schleifstein füllte den Raum mit monotonem Säuseln, während Malik die Waffen seines Freundes schärfte. "Ich sehe nicht ganz warum du so besorgt bist. Al-Mualim weiß was er tut und mir erscheint es weise, vorerst nicht zu reagieren. Warum zusätzliche Aufmerksamkeit auf uns ziehen, wenn die Dinge noch nicht beschlossen sind." Amir löste sich aus seiner Position und trat hinter den Tresen. Mit vorsichtigen Fingern begann er, einige Pfeile auszuwählen, die in einer Lade des Wandverbaues lagerten. Peinlich genau achtete er drauf, nur die mit verschiedenen Ritzmustern versehenen Enden zu berühren, um dem Gift auf den Spitzen fern zu bleiben.

"Mag sein das du recht hast. Mir käme es auch nicht in den Sinn, seine Entscheidung zu hinterfragen. Was mir Sorgen macht, ist das was auf uns beide jetzt zukommt."

Malik hatte seine Arbeit beendet und wischte sich die Finger an einem nassen Tuch sauber. Dabei beobachtete er seinen Freund. Ewigkeiten schien es her zu sein, als er Amir im Zuge einer langen Flucht nach Maysaf gebracht hatte und so vieles war seit damals anders geworden. Das einzige, dass sich nicht gändert zu haben schien, war das Gefühl in ihm, dass Amir mehr war als nur ein einfacher Junge und Schüler. Malik hatte bewusst damit gewartet, seinen Novizen zum Töten auszuschicken, denn er war sich nicht ganz sicher, welchen Effekt es auf Amir haben würde. Der Junge schien im Moment in einer Phase, in er sich ein Weltbild bastelte, dass Malik gar nicht gefiel. Entgegen seiner Erwartungen hatte Amir das Leben in der Stadt nur noch härter, noch ehrgeiziger, noch stolzer gemacht. Er bewegte sich lauernd wie ein Tiger durch die Straßen, suchte immer öfter die Einsamkeit und ließ niemanden mehr an sich herankommen. Selbst Malik nicht.

 

Amir hatte begonnen flügge zu werden. Immer öfter blieb er Nachts dem Büro seines Freundes fern und schaffte es mühelos, alle Beobachter abzuhängen. Was er trieb, wenn er untertauchte, blieb seinem Freund ein Rätsel. Sie hatten niemals über die Bewachung gesprochen, unter die Malik Amir gestellt hatte, aber beide wussten davon und beide missbilligten es. Dies hatte eine Distanz geschaffen, die die Freundschaft in den Hintergrund drängte und Maliks Position als Armirs Lehrer ihre gemeinsamen Stunden bestimmen ließ.

 

Johara behandelte Amir immer noch mit dem gleichen kühlen Gebaren, dass er vom ersten Tag an ihr gegenüber gezeigt hatte, während sie wie ein Hund, der um Streicheleinheiten seines Besitzers bettelte, an seiner Seite blieb. Stundenlang wartete sie Abends auf ihn und wenn er wider Erwartens doch kam, bedeckte sie den jungen Assassinen mit all ihrer Liebe.

Amir ließ es geschehen, richtete jedoch niemals ein freundliches Wort an sie und liebte sie beinahe mechanisch und ohne Gefühl, wenn ihr Körper danach verlangte. Nichts schien für ihn Bestand zu haben, als das eine Ziel, dass er sich gesetzt hatte: Endlich aus den Reihen der Schüler hervor zu treten und nicht länger den Weisungen anderer unterlegen zu sein.

 

Malik wusste, dass er es nicht verantworten konnte, den Novizen weiter zurück zu halten, wenn sein einziger Grund dafür die Kälte war, mit der Amir unglaubliche Genauigkeit und absolute Perfektion an den Tag legte, denn von einem Assassinen wurde nicht mehr erwartet. So kam es, dass er sich zwar widerstrebend aber doch entschloss, es geschehen zu lassen und Amir auszuschicken.

Noch einmal kontrollierte er die Auswahl an Pfeilen, die der Junge inzwischen abgeschlossen hatte, reichte ihm das Schwert, die Wurfmesser und einen einfachen Dolch, und sah sich das fertige Ergebniss mit zweifelndem Blick an. "Hm, ich denke, so kann ich dich gehen lassen, ohne schlechte Nachrede zu haben." Amir geruhte nicht zu antworten. Jetzt folgte der schwierigste Teil für Malik, doch es war seine Pflicht, folgende Worte zu sprechen. Jeder Novize erhielt sie, bevor er zum ersten Mal aufbrach um Leben zu beenden.

"Du bist an einem wichtigen Punkt angelangt, mein Freund! Wenn du dich entscheidest, diesen Weg zu gehen und meinen Auftrag zu erfüllen, wird es nie mehr ein Zurück für dich geben. Bist du dir absolut sicher, dass werden zu wollen, was andere von nun an in dir sehen werden, ein gottloser Mörder?" "Ich habe nie viel auf die Meinung anderer gegeben. Ich gedenke nicht jetzt damit zu beginnen." Amir wurde ungeduldig, er hatte keine Lust mehr auf große Worte. Malik hatte Erbarmen und entließ ihn.

 

Jerusalem brütete in staubiger Hitze und verdobenen Gerüchen wie eh und je, nichts schien an diesem Tag anders zu sein als sonst. Die meisten Menschen der Stadt würden nach dem üblichen Tagewerk zufrieden in ihr Bett sinken, manche von ihnen erkranken, wieder andere geboren werden und nicht wenige ihre Augen für immer schließen. Das Leben hielt seinen Kreislauf beständig aufrecht und unterwarf sie alle den unverrückbaren Gesetzen der Natur. Nur einer fühlte sich von ihnen ausgenommen.

In den langen Nächten, die Amir allein in der Stadt verbrachte, hatte er ihre Struktur geatmet, er kannte jeden Winkel, jede Gasse und konnte sich beinahe mit geschlossenen Augen durch sie bewegen. Hatte seine Suche bisher immer Verstecken und Möglichkeiten, sich unbemerkt fortzubewegen, gegolten, lag an ihrem Ende nun ein Ziel, dass er verfolgte. Diese Aussicht veränderte die Art, wie er sich fühlte vollständig.

Wie ein Schatten glitt er über die Dächer, geschmeidig und langsam, einem Raubtier gleich, dass sich seiner unwissenden Beute nähert. Unter seinen Füßen floss das Leben durch Jerusalem und auch er selbst fühlte sich lebendiger als je zuvor. Nichts entging den suchenden Augen, als er über eine Häuserschlucht sprang, sich auf dem anderen Dach abrollte und hinter einem Heuhaufen in Deckung ging.

Amalrich der Erste hatte die Wachen verstärken lassen und es war zunehmend schwieriger geworden, Jerusalem unbemerkt zu unterwandern. Für Amir war es nur eine weitere Herausforderung, der er gerne nachkam.

 

Der Bogenschütze befand wenige Meter von ihm entfernt am Rand des Flachdaches und ging gewissenhaft seine Runden. Der Novize konnte den Atem des Mannes hören und nahm jede Einzelheit der Bewaffnung war, als der Wächter das Versteck passierte. Einen Moment lang überlegte Amir, ob es möglich war, den Wächter mit einem gezielten Wurf auszuschalten, entschied sich aber dann dagegen. Möglichst unbemerkt sollten seine Taten bleiben und er fürchtete, dass die Menschen auf dem kleinen Platz unter ihnen eine zu gute Sicht auf die Geschehnisse hatten, sollte es ihm nicht gelingen den Bogenschützen mit einem einzigen Messer auszuschalten.

Tastende Finger fuhren über den Gürtel, der unter der Robe eng an seinem Körper lag. Sie erreichten die Schäfte der eingewickelten Pfeile und befühlten die Schnitzmuster, bis er gefunden hatte, was er suchte. Betont langsam zog Amir ein Blasrohr hervor und steckte den Pfeil in die Öffnung. Sein erster Mord würde nicht aufregend, dafür wirklich effektiv sein.

Der Junge hob das Rohr zum Mund, zielte auf den Nacken des Wächters und bließ hinein.

Nur ein beinahe unhörbares Surren zerriss die Luft. Der Wächter hob die Hand und berührte augenblicklich den Pfeil, der in seinem Nacken steckte. Kalter Schmerz fuhr ihm ins Gebein, und er riß die Waffe aus der Wunde, nur um wenig Sekunden später schlaff in sich zusammen zu sinken und mit einem ungläubigen Blick zu sterben, während eine Gestalt weiter über die Dächer jagte.

 

Baptiste Lavie war ein Mann des Glaubens und als solcher folgte er einer Mission. In seinem kleinen Heimatdorf, weit weg von den großen Ereignissen der Kreuzzüge, hatte er sich immer falsch am Platz gefühlt. Seine Schäfchen kamen brav jeden Sonntag zu ihm, um Predigten aus seinem Mund zu hören, sie beteten ohne Feuer jene Worte, die er so sehr liebte, und sie gingen mit den gleichen stoischen Bewegungen wieder zurück zu ihrer Arbeit, gerade so, als hätte er ihnen niemals die Heiligkeit des EINEN Gottes offenbahrt. Baptiste war langsam alt geworden und hatte begonnen sich zu fragen, wo der Sinn in seinem Bestreben, Gottes Worte zu verbreiten, lag, wenn niemand wirklich Notiz davon nahm.

So kam es ihm sehr gelegen, dass eine Gruppe Kreuzritter, die in den Orient zu ziehen plante, in seinem Dorf einen Geistlichen zur Begleitung suchte. Ohne recht zu wissen, worauf er sich da einließ, war Baptiste Lavie mit ihnen gegangen, hatte eine lange, beschwerliche Reise hinter sich gebracht und war um einige Erfahrungen, die Blut und Waffen betrafen, reicher in Jerusalem angekommen. Hier fand er sein persönliches Paradies. Die heilige Stadt war Zentrum seines Glaubens und es gab jede Menge islamische Bürger, die er konvertieren konnte. Baptiste hatte Feuer gefangen, sein ganzes Bemühen galt den täglichen Reden, die er an der Via Dolorosa, der Straße des Leidens zu halten pflegte. Hier war sein Heiland gewandelt, bevor er unter unmenschlichen Leiden von den heidnischen Stadthaltern getötet worden war, hier atmete Baptiste den aufregenden Duft jener Vergangenheit, in die er sich oft wünschte, um dem Sohn des einzigen Gottes zu begegnen.

Gerade hielt er einen besonders leidenschaftlichen Vortrag und eine kleine Menge hatte sich vor ihm versammelt. Ihr stummes Lauschen spornte ihn an und er genoß den Auftritt sichtlich. Starke Gestik unterstützte die lauten Worte, die er über seine Zuhörer kommen ließ.

 

"Vernehmt nun die eine Wahrheit des allmächtigen Gottes, der seine Hände schützend über uns hält! Lange war diese heilige Stätte ein Raub jener ungläubigen Herrscher, deren eiserner Griff Leid und Schmutz über die Schöhnheit Jerusalems brachte! Lange musstet ihr, Schwestern und Brüder, unter ihren grausamen Gebahren leiden! Erst Gottfried von Bouillon vermochte es, eure Ahnen aus den Fängen dieser blutrünstigen Heiden zu befreien! Welch Glanz haben die christlichen Führer seitdem hierher gebracht! Welch Ordnung des Gütigen, welch Sicherheit! Aus einem Loch voll Mörder, Dirnen und Gesindel ist die wichtigste Stadt des Königreiches geworden und ihr alle seid Teil dieser wunderbaren Verwandlung!" Baptist hielt kurz ein, um seine Lungen erneut mit Luft zu füllen.

"Doch euer Glück ist in Gefahr!" fuhr er donnernd fort. "Die Heiden sind bestrebt, euch euer Kleinod zu entreißen! Salad ad Dhin, ein Heuchler und Tyrann, trachtet danach Jerusalem für sich zu nehmen! Er verband sich mit den schändlichsten Kreaturen, die der falsche Glaube an Allah je hervorgebracht hat: Den gottlosen, meuchelmordenden Assassinen, um Tod und Verzweiflung über uns zu bringen! Wir werden diesen Barbaren Einhalt gebieten, wir werden ihnen Stand halten und mit uns wird der Segen des einen Gottes sein! Ehrt Amalrich, gelobt ihm eure Treue und kein Leid soll Einzug finden in euer Haus! Vielmehr," mit lodernden Augen endete Baptist schließlich, "werdet ihr all seine Güte und Demut vor dem ehrlichen Leben der kleinen Leute auf euch ziehen und reichlich für eure Treue belohnt werden! Heil sei ihm, der im Auftrag unseres Herren handelt!"

 

Worte der Zustimmung drangen an Amirs Ohr, der auf dem Dach über Baptiste gekauert lauerte und die Rede still verfolgte. Eine Weile schon hatte er sich zurückhalten müssen, um nicht hinab zu springen und dem Bastard von Priester ein Messer direkt zwischen die Augen zu stoßen. Den Novizen interessierte das Geschwafel über Amalrich, Gottfried und ihre Errungenschaften nicht im Geringsten, aber von dem Wort "Barbaren" fühlte er sich durchaus in seinem Stolz verletzt. Er beschloss, den Geistlichen besonders rücksichslos und unauffällig zu beseitigen, damit der Mann noch im Moment des Todes lernte, über wen er da so schändlich sprach.

 

Baptiste Lavie hatte sein Pult verlassen und schickte sich an, zum Markt zu gehen, wo er Stärkung nach seinen anstrengenden Ausführungen zu finden hoffte. Er liebte die Via Dolorosa als Platz seiner fulminanten Auftritte, das Gewühl in der engen Straße jedoch, das beinahe jede Bewegung zum Erliegen brachte, war ihm zutiefst zuwider. Er nahm die erste Möglichkeit dem zu entfliehen wahr und bog in eine kleine Seitengasse ein, die völlig im Schatten der alten Häuser lag. Hier gestattete er sich einen Moment des Einhaltens und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Diese Hitze begann ihm zuzusetzen, schließlich war er nicht mehr der Jüngste, und er entschied, sich kurz auf einem schmalen Mauersims auszuruhen. Links und rechts an den Enden der Gasse nahm er den nicht abreißenden Strom von Menschen war, der sich durch die Stadt wälzte. Gerade überlegte Baptist, ob er den Tag nicht jetzt schon mit einem Festmahl in der großen Taverne am nördlichen Ende der Via beschließen sollte, als ihm das Blut in den Adern gefror.

Ein beinahe sanfter Hauch war an seinem Ohr vorbeigezogen und noch bevor er sich umwenden konnte, spürte er kaltes Eisen an seiner Kehle. Im selben Moment legte sich eine Hand auf seinen Mund und drückte so fest zu, dass er mühsam um Atem rang.      

 

Amir war dem Prediger gefolgt und hatte mit Befriedigung festgestellt, dass sein Opfer wie ein Schaf und ohne zu zögern zur Schlachtbank schritt. Er hatte sich gefragt, wie lange er den Alten verfolgen musste, bis er Gelegenheit bekam, ihn ungesehen zu töten, und freute sich ungemein, dass es ihm so leicht gemacht wurde. Leise und mit Bedacht begann er seinen Abstieg, er drehte sich um, sprang mit dem Rücken voraus ins Leere und hielt sich an der Dachkante fest. Tastende Füße fanden Halt auf einem Fenstersims. Der Prediger war eben auf der Mauer zum Sitzen gekommen, als Amir schier lautlos den Boden berührte.

Die Welt nahm ihre vertrauten Schlieren an und er selbst bewegte sich wie ein Boot auf dem Fluß der Zeit, die, wie gewöhnlich in diesem Zustand, kaum verran. Er zog ein Messer unter der Robe hervor, trat von hinten an sein Ziel, packte den Geistlichen mit einer einzigen Bewegung und hielt ihm den Mund geschlossen. "Nur ein Laut aus deiner Kehle, und ich werde sie zerschneiden!" flüsterte er seinem Opfer ins Ohr.

 

Baptist Lavie wagte es nicht zu schreien, als der Unbekannte seinen Griff lockerte. Hastig keuchend brachte er hervor: "Ich habe nichts bei mir, dass für euch wertvoll ist, Herr! Ich bitte euch, lasst mich gehen! Gott wird euch dafür segnen!" Der Prediger konnte den Atem das anderen im Nacken fühlen. "Dein Gott schimpft mein Volk Barbaren und du besitzt mehr, als du dir im Klaren bist, mein Freund," Baptiste spürte das eiskalte Lächeln, "du besitzt immer noch dein Leben."

 

Ein Ruck fuhr durch Amir, als er die Klinge durch den Hals des Mannes schneiden ließ. Helles Rot sprudelte aus der klaffenden Wunde und rann warm über seine Finger hinab. Mit einem Röcheln sank der Geistliche auf die Knie, drehte sich dabei halb um und bekam die Robe seines Mörders zu fassen. Verzweifelt krallte er sich daran fest und sah flehentlich nach oben, mitten in das Gesicht des Angreifers. Es überraschte Baptiste, dass er so jung war. Dunkle Augen stachen aus dem Schatten der Kapuze, die der Attentäter aufgezogen hatte, sie bildeten einen starken Kontrast zu den jungenhaften Zügen des feinen Gesichts. Nur unter größter Anstrengung konnte Baptiste seine letzten Worte sprechen, als ihm klar wurde, wen er hier vor sich hatte. "Ein Assassine...du bist ein Assassine!" keuchte er, während seine Finger versuchten zusammenzuhalten, was von seinem Halse noch übrig war. Mit einem letzten, gurgelnden Geräusch fiel der Priester endgültig zu Boden und Starre trat in seine Augen.

 

Über ihm stand Amir hoch aufgerichtet und zitterte am ganzen Körper. Das war es also, das war was die Faszination ausmachte, die dem Vorgang des Mordens zugrunde lag. Wellen von Energie strömten durch seinen Körper und dem Assassinen schien es, als würde er mit jedem Atemzug das Leben aufnehmen, das schnell sprudelnd aus der zerschnittenen Kehle des Alten floss. Das war es, dieses unglaubliche Gefühl der Macht, diese Kraft, die in ihn strömte. Das war das Geheimnis der Assassinen.

Sie entschieden über die Grundfeste der Welt, indem sie Leben nahmen, dass einer der unzähligen Götter der Erde gegeben hatte. Sie straften die Wahrheit, dass ein Allmächtiger über das Schicksal der Menschen bestimmte, Lügen, indem sie es waren, die den Tod brachten, den keiner vorhersagen konnte. Sie wussten, dass keine Wahrheit bestand, und sie waren es, die sich alles erlaubten.

 

Einige Minuten verstrichen. Niemand hatte etwas bemerkt, weiterhin trieb die Masse an der dunklen kleinen Gasse vorbei, in der sich der Grund langsam rot färbte. Amir erwachte aus seiner Starre, die Zeit hatte wieder ihre normale Form angenommen, und hastig begann er, die Leiche zu untersuchen. Der Tote war schlicht gekleidet, kaum etwas von Wert hing an seinem Körper. Amir betrachtete nachdenklich das kleine goldene Kreuz, dass an einer Kette um die zerrissene Kehle hing, riss es ab und ließ es in seinem Gürtel verschwinden. In einer kleinen Tasche an der Innenseite der Priesterkutte fand er einen Beutel mit glänzenden Münzen. Er nahm ihn an sich, zog den toten Körper hinter die kleine Mauer und bedeckte ihn mit Heu und Erde.

Ohne zurückzusehen, tauchte der Assassine in das Treiben der Via Dolorosa ein. Eine Bettlerin kam sofort auf ihn zu, als er wieder in den Strahlen der Sonne erschien, und blieb mit offenen Mund zurück, als der seltsame Mönch ihr einen Beutel voll Geld zuwarf, noch bevor sie ein Wort an ihn richten konnte.  

 

An diesem Tag folgte eine Spur aus Tod Amirs Weg und er hinterließ Teile seiner Persönlichkeit auf ihm, auch wenn er dies nicht sehen konnte. Mit jedem Mal, mit dem er das Leben eines Kriegstreibers aushauchte, gewann er an Energie und die Sonne hatte schon lange den Horizont verlassen, als er, immer noch getrieben, endlich zu Maliks Büro zurückkehrte.

 

Sein Freund erwartete ihn allein, Malik hatte gewusst, dass es kein geselliger Abend werden konnte und die Schwestern vorsorglich gebeten, diese Nacht im Lager zu verbringen. Mit erwartender Haltung weilte er in der Mitte des Zimmers und sah schweigend zu, wie Amir durch die Dachöffnung kletterte, seine Waffen ablegte und seine Hände an dem Springbrunnen reinigte. Das Wasser färbte sich rot.

Amir war gewissenhaft. Erst als jede seiner Waffen gesäubert und verräumt war, trat er zu seinem Lehrer. Malik konnte das Zittern sehen, dass seinen Freund befiel, sobald seine Hände keine Aufgabe mehr fanden. Er wusste genau, wie sich der Junge jetzt fühlte.

"Setz dich!" befahl er schlicht und sein Schüler leistete Folge. "Die Kunde deines Erfolges eilt dir vorraus, mein Freund. Du hast ausgezeichnete Arbeit geleistet!" Mit einem kurzen Nicken als Dank nahm Amir das Lob und die Pfeife entgegen, die Malik seinen Worten folgen ließ.

Inzwischen hatte er gelernt mit ihrer Wirkung umzugehen und sie schien ihm gerade richtig, um sein rasendes Herz, seine bis zur Zerreisung gespannten Muskeln zu beruhigen. "Ich wollte deinem Namen als Lehrer Ehre machen und freue mich, dass ich es getan habe." sprach er nach einem tiefen Zug. Ja, das half, er begann sich zu entspannen. "Wo sind die Frauen?" fragte er so unvermittelt, als würde er sich beiläufig nach dem Wetter erkundigen. "Du hast dich doch nicht bereits an Jadwa satt gesehen?" "Sie sind im Lager. Ich denke, dass wir heute eher unter uns bleiben sollten. Seit wann interessiert es dich überhaupt, was mit den beiden ist?" Amir war schneller auf den Beinen und an der Tür, als Malik reagieren konnte. "Seit ich Erleichterung suche!"

 

Mit einem Schritt stand er an dem Nachtlager der Schwestern, packte zu und zog Johara an den Haaren hoch. Das Mädchen schrie, so brutal geweckt, wie am Spieß und Jadwa stimmte mit ein. Malik rauschte seinem Freund hinterher, griff nach seiner Schulter und riss Amir in dem Moment von dem Mädchen weg, als er sie gerade fest an sich gezogen und wild geküsst hatte. Dabei hatten seine starken Hände ihre Kleid zerrissen, es hing von ihren Schultern herab und enblöste ihren Busen.

"Scher dich fort, Malik, ich habe etwas zu erledigen!" herrschte Amir seinen seinen Freund an und wollte sich erneut auf Johara stürzen. Malik fuhr dazwischen und packte Amir am Handgelenk, verdrehte es blitzschnell und so weit, dass Knochen knackten. "Mäßige dich Novize!" schrie er mitten in das Gesicht des Jungens.

Amir fuhr wütend zurück. "So ist das also, du kehrst den Meister heraus! Was zierst du dich, du warst es doch der mich bat, ihr etwas Aufmerksamkeit zu schenken! Sie sie dir an! Die Hure verlangt doch danach!" "Amir Ibn la-Ahad, hüte deine Zunge! Du magst mein Freund sein, aber du bist auch mein Schüler und dies hier ist MEIN Haus! Ich dulde nicht, dass du so mit ihr umgehst! Hier," Malik schleuderte Amir einige Münzen entgegen, "Wenn du einer Dirne bedarfst, geh, und such eine auf, aber wage es nicht noch einmal dieses Mädchen so anzugreifen!"

Die Schwestern drängten sich dicht an die Wand zusammen, sie fürchteten, dass es zu einem Kampf kommen würde. Es geschah....nichts. Amir stand wie ein Felsen in tosender Brandung. "So sind wir zuletzt von guten Freunden zu einfachen Brüdern geworden, Malik Al Sayr?" fragte er, seine Stimme Ausdruck tiefer Abscheu. "Nein, du Idiot, aber du musst dich beruhigen! Mir ist klar, dass deine Sinne aufgewühlt von deinen Taten sind, aber du musst lernen, sie zu kontrollieren, andernfalls werden sie einmal dein Tod sein."

Der Ältere entspannte seine Muskeln. "Verdammt noch einmal, Amir. Ist ein bischen Moral denn wirklich zu viel verlangt?" Sein Schüler wandte sich um und schickte sich an das Lager zu verlassen. "Unser Wirken bedarf keiner Moral, mein FREUND. Es bedarf lediglich dem richtigen Maß an Bestimmtheit."

 

Schon früh am nächsten Morgen brachte Malik die Schwestern zurück zum Hof ihres Vaters. Jadwa hatte gefleht, bei ihm bleiben zu dürfen, aber er war unumstimmbar. "Ich habe genug Schwierigkeiten im Moment, mein Liebes. Außerdem wird ein Krieg losbrechen, so fürchte ich, und dein Vater braucht dich eben so sehr wie deine Schwester!" hatte er auf ihre dringenden Bitten geantwortet. "Ich werde auf dich warten, Malik, egal wie lange es dauert!" rief Jadwa ihm zum Abschied hinterher. Der Assassine bedauerte ernsthaft zu wissen, dass er nicht widerkehren würde.

Nun, da er sich diesen Problems entledigt hatte, nahm er sich kurz Zeit, um die Jerusalem von einem Hügel aus zu betrachten und seine Gedanken zu ordnen. Irgendwo hinter den hohen Mauern der blühenden, heiligen Stadt war Amir auf der Jagd. Malik verabscheute sich einerseits dafür, dass er es gewesen war, der den Jungen dazu anstiftete zu töten, gleichzeitig wusste er aber, dass es unverhinderbar und absolut richtig war, dies zu tun. Amir war ein geborener Assassine, es war ihm bestimmt, ein Mörder zu sein.

 

Wochen über Wochen folgten, doch von Al-Mualim kam keine weitere Nachricht. Amalrichs Männer waren mit der Zeit auf den sprunghaften Anstieg von Todesfällen bei Predigern und Händlern aufmerksam geworden und hatten die Vorgänge sofort dem richtigen Feind zugeschrieben. Ihr Herrscher war außer sich gewesen zu erfahren, dass sich Assassinen in den Mauern seiner Stadt aufhielten und loyale Gefolgsleute eliminierten. Er befahl, Jerusalem auf den Kopf zu stellen, und setzte dafür eine nicht unbeachtliche Zahl von Männern ein.

Inzwischen wagte es kaum ein Prediger mehr, ohne den Schutz einiger Wachen öffentlich zu sprechen und auch an den Marktplätzen tummelten sich mehr Bewaffnete als je zuvor.

Malik und Amir wussten sich völlig sicher, die Gefallen, die der Verbindungsmann den Menschen seiner Umgebung geleistet hatte, trugen jetzt die Fürchte des Dankes nach sich. Seit wenigen Tagen harrten die beiden im Gebäude aus und überließen Almarich und seine Verehrer der fieberhaften Suche nach den schändlichen Mördern. Das Ziel des Meisters war erfüllt worden, die Vorbereitungen zum Kreuzzug gen Maysaf kamen ins Erliegen.

 

Längst war Amir wieder beherrschter geworden, jetzt, da er Abstand zu seinem täglichen Morden gewann und Malik nutzte die Gunst der Stunde, um in langen Gesprächen über die Welt und den Sinn des Lebens den Geist seines Schülers wieder auf andere Dinge zu lenken. Amir wirkte ihm inzwischen wieder logisch denkend, und wagte er es endlich, ihn auf die Erlebnisse der letzten Zeit anzusprechen.

"Ich konnte nicht umhin, die Veränderung in deiner Sorgfältigkeit zu erkennen, seit ich es dir gewähre, ein vollkommener Assassine zu sein. Du übst härter an deinen Fähigkeiten, als je zuvor!"

"Nur der, der die Schwierigkeiten der Erwachens voll begreift, kann verstehen, dass zum Erwachen lange und harte Arbeit notwendig ist."* erwiderte Amir ohne sich von seiner Arbeit abbringen zu lassen. Gerade präparierte er weitere Pfeile mit Gift, um den Bestand wieder aufzufüllen. "Gut gesprochen! Trotzdem hast du eine Veränderung erfahren. Du folgst meinen Anweisungen sehr genau und widersprichst mir kaum, das ist sonst so gar nicht deine Art! Womit hat das zu tun?"

Malik trat neben ihn, griff nach Wachspapier und umwickelte jene Pfeile, die sein Schüler in eine dunkle, übelriechende Flüssigkeit tauchte, sorgsam damit. "Ich habe nur eingesehen, dass ich so mein Ziel, in den Inneren Kreis der Bruderschaft zu gelangen, am schnellsten erreichen werde." Die Stimme des Jungen verriet nicht seine Gefühle, aber Malik spürte die Spannung in ihm.

"Es wird nicht mehr lange dauern, Amir, und ich werde dich nach Maysaf zurück schicken. Es gibt nichts, dass du noch von mir lernen kannst und ich denke du bist bereit, das Ritual zu begehen. Für den Moment aber möchte ich dich hier behalten, um meinen Rücken zu stärken. Jerusalem ist zur Zeit ein verdammter Hexenkessel und mir ist wohler, einen fähigen Mann mehr auf meiner Seite zu wissen!"

"Wie du wünschst, mein Freund. Wann erwartest du Nachricht von Al-Mualim?" Amir konnte Sorge in Maliks Gesicht erkennen. "Lieber heute als morgen!" antwortete er ihm.

 

Turfah Al Ashab gab ein überraschtes Keuchen von sich und versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Zeit seines Lebens war er ein Mann gewesen, der sich keine Fehler erlaubte, doch diesmal hatte er sich um wenige Zentimeter verschätzt und war ins Leere getreten. Sein Gegner bemerkte sofort die Chance und versetzte ihm einen weiteren Tritt, der Turfah endgültig nach hinten kippen ließ.

Hart schlug der Körper des Meisterassassinen auf dem Kopfsteinpflaster auf und der Schmerz durchfuhr ihn schneidend. Dennoch quälte er sich auf die Beine und begann zu rennen, die wütenden Stimmen der Wächter hinter sich. Hier im Nobelviertel Jerusalems gab es reichliche von ihnen und egal, wohin der Assassine sich wandte, er wurde von blitzenden Schwertern erwartet.

Mit einem langen Sprung tauchte Turfah durch einen Markstand und sprintete um eine Ecke. Sein Weg endete, als der Krug einer Frau, die er mit sich riss, direkt auf seinem Kopf landete und ihn zu Boden schickte. Turfah war keineswegs bewusstlos, jedoch zu benommen um sich zu wehren, als die Wächter ihn erreichten und sich auf ihn stürzten. Er glaubte schon von den räudigen Bastarden zu Tode geprügelt zu werden, als er eine nasale, arrogante Stimme vernahm. "Haltet ein, wir brauchen ihn lebend!" sprach sie laut und die Männer ließen von ihm ab.

Im begrenzten Sichtfeld des Assassinen tauchte ein großer, blonder Mann mit starrer Miene auf. Er trug eine Teilrüstung an seinem Körper, der Brustharnisch verdeckt von einem Hemd, auf dem ein großes, rotes Kreuz prangte. "Erwischt von einem Templer!" fuhr es Al Ashab durch den Kopf. "Der gottlose Heide soll hängen!" sprach Robert de Sable.  

 

Samut rannte so schnell ihn seine Beine trugen. Er hatte gesehen, wie sein Lehrer fiel und war zu spät gekommen, um ihn zu retten. Turfah hatte ihm außerdem verboten, mehr als nur Zuschauer der Szene zu sein. Der ältere Assassine hatte nicht mit Schwierigkeiten gerechnet, für die er die Unterstützung eines Schülers brauchte.

Die einzige Möglichkeit, seinem Lehrer zu helfen, war für Samut Hilfe zu holen. Jemand musste davon erfahren, dass die Templer den großen Turfah Al Ashab gefangen hielten. Leider kannte Samut kaum jemanden in Jerusalem, dem er eine Botschaft für den Meister übergeben konnte. Er betete, dass sein Lehrer ihm die Lage des Verbindungsbüros richtig beschrieben hatte und fühlte sich von tausend Lasten befreit, als er es fand. Hastig hangelte er sich den Wänden des Hauses empor, lief über das Dach und ließ sich rückwärts in die Luke fallen.

 

Amir übte gerade mit seinen Wurfmessern, reagierte auf die plötzliche Bewegung und schickte eine seiner Waffen in Samuts Richtung. Nur Sekundenbruchteile, bevor es seine Hand verließ, änderte er die Richtung. Das Messer zischte haarscharf an dem anderen Novizen vorbei und blieb mit schwingenden Schaft in der Wand stecken. "Du ruinierst mir noch meine Einrichtung!" rief Malik, der aus dem Laden herbei eilte.

Samut hatte sich vor Schreck zu Boden fallen lassen und kam mit weißem Gesicht langsam zum stehen. Seine Stimme zitterte.

"Malik al Sayr, Friede sei mit dir Bruder! Etwas schreckliches ist geschehen und ihr müsst dringend eine Nachricht an Al-Mualim entsenden!"

Der Verbindungsmann war nicht in der Stimmung für Befehle, eben erst hatte er sich mit Amir gestritten, und so spuckte er erst einmal verächtlich zu Seite. "Wer bist du, dass du mir zu sagen hast, was ich tun soll?" "Das ist Samut, er war einer meiner Mitschüler auf Maysaf!" schaltete Amir sich ein. "Gut, und wie zum Teufel hast du uns so einfach gefunden?" Malik schien nicht davon abzubringen, seine Wut auf das unverhoffte Opfer zu konzentrieren.

"Mein Lehrer al Ashab hat mir den Weg gewiesen. Er sagte, wenn ich in Jerusalem jemals in Schwierigkeiten kommen würde, wärt ihr der Mann, den ich aufsuchen müsste!" "Soll ich weiterüben? Er gibt ein ausgezeichnetes Ziel ab!" gab Amir von sich.

Malik seufzte hingebungsvoll. "Ich fürchte das wäre keine gute Idee. Nun gut, wer hat dir Probleme bereitet, Samut, Schüler des Al Ashab?" "Mir selbst niemand, ich fürchte jedoch, dass jenes, was ich euch zu berichten habe, ein Problem für die Bruderschaft darstellt!"

 

Politik war etwas, womit Amir sich nur widerstrebend auseinandersetzte. Ihm kam schon allein das Wort kaum über die Lippen, wenn es nicht zwingend erforderlich war. Dennoch lief alles, was Samut ihnen zu berichten hatte, letztendlich auf Politik hinaus. Die drei Assassinen hatten Platz genommen und Al Ashabs Schüler zeichnete ein Bild von Ereignissen, die Malik und Amir völlig entgangen waren. Nicht ohne Grund, wie es schien.

"Als ihr zu mir kamt, um Informationen einzuholen, wusste mein Lehrer längst über die Lage bescheid. Schon in Allepo haben wir von Amalrichs Vorhaben erfahren. Die Aufgabe Al Ashabs in Jerusalem lautete, den einzigen Mann zu töten, der für den Erfolg des Zuges gegen Maysaf entscheident ist: Vannino Leruzzi, ein italienischer Templer. Er ist Amalrichs rechte Hand in Kriegsfragen, denn wie ihr sicher wisst, ist der König von Jerusalem selbst mehr ein Gelehrter, denn ein Krieger."

Malik nickte zustimmend. Amalrich der Erste wandte sich eher spirituellen Fragen zu und überließ anderen die Drecksarbeit. "Fahrt fort!"

 

"Leruzzi ist also jener, dessen Aufgabe es war, Salad ad Dhins Männer aufzuhalten, noch bevor sie auf die Idee kommen konnten, Jerusalem einzunehmen. Der dreckige Templer hatte aber einen anderen Plan: Er wusste von seinen Spitzeln, dass Saladin an der Küste entlang ziehen würde und wollte seine eigenen Truppen von Jerusalem aus in das Landesinnere führen, nach Maysaf. Er behauptete einfach, Saladin hätte unseren Meister um Hilfe gebeten, und würde sich mit uns dort vereinen, um dies zu rechtfertigen."

"Warum sollte er das tun, es ist doch völlig unlogisch, Jerusalem unverteidigt zurück zu lassen, wenn er mit einem Angriff rechnet!" Amir war ungeduldig, doch sein Lehrer rief ihn mit einem einzigen Blick zum Warten.

"Das ist es ja gerade, was das Ganze so kompliziert macht. Vannino Leruzzi wollte Maysaf einnehmen, um von dort aus Allepo und andere Festungen Saladins anzugreifen, während dieser sich auf dem Weg nach Jerusalem befindet. Sehr zu seinem Nachteil allerdings ist Leruzzi ein misstrauischer Mann. Die genauen Einzelheiten seines Planes kennt niemand außer er selbst und Al Ashab sollte dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Wenn er es geschafft hätte, Leruzzi zu beseitigen, wäre die Bedrohung Maysafs abgewendet gewesen. Leider haben sich die Umstände anders ergeben und die Untergebenen des Templers konnten den Anschlag verhindern. Zur Zeit weilt mein Lehrer in ihrer Gewalt und ich fürchte sie planen, ihn zu hängen." Samut endete seine Erzählung mit erwartungsvollem Ausdruck.

 

Malik hatte wie so oft begonnen, im Zimmer auf und ab zu wandern, es half ihm, klare Gedanken zu fassen. "Und uns benutzte Al-Mualim, um die Aufmerksamkeit vom Auftrag Al Ashabs abzulenken. Ein weiser Zug, wenn es mir auch nicht ganz gefällt, als Verbindungsmann dieser Stadt so im Dunklen gelassen zu werden. Nun, mir scheint du hast recht gesprochen, als du vermutetest, dass dieses Problem unseren ganzen Orden betrifft. Ich kenne Vannino Leruzzi flüchtig, er ist einer der höheren Templer, die schon seit Jahren hier weilen, ein machtsüchtiger Schweinehund, aber er ist intelligent. Mit Sicherheit wird er nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf ihn nicht den Fehler begehen, sich ungeschützt in der Menge zu zeigen. Wir werden jede Hilfe brauchen, die wir bekommen können!"

Amir regte sich und versuchte zu verstehen, welche Ideen im Kopfe seines Freundes Gestalt annahmen. "Was gedenkst du zu tun?" fragte er, als Malik nichts weiter sprach.

Der Assassine verschränkte seine Finger, ließ die Knöchel knacken und antwortete: "Das, was ganz einfach von Nöten ist. Wir werden Vannino Leruzzi töten und Turfah Al Ashab befreien!"

 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------

* Nö das ist nicht meinem Schreibstil entsprungen, auch nicht Amirs verdrehten Gehirn, das ist geklaut von G. Gurdjeff