12. Schatten eines anderen

Es dauerte Monate, bis Amalrich sich von dem Verlust seines besten Heerführers erholt hatte. Der König von Jerusalem hatte entgegen Robert de Sables Ansinnen, jetzt erst recht nach Maysaf zu ziehen, gestimmt. Der Gedanke einen Großteil seiner Streitmacht wegzuschicken, während der Mörder Leruzzis vielleicht immer noch in der Stadt weilte, erschien ihm alles andere als gut durchdacht. Auch musste Al Mualim, der Führer der Assassinen, inzwischen von dem Angriff erfahren haben und würde, so er wirklich mit Saladin in Verbindung stand, Hilfe angefordert haben. Amalrich entschied, dass einfach zu wenig Streitkraft unter seinem Befehl war, um das Risiko einzugehen. 

De Sable war mutig, sogar frech in ihren Gesprächen geworden, doch der König duldete keine Respektlosigkeiten unter seinen Anhängern. Um den jungen Templer ruhig zu stellen, beauftragte er ihn mit der Klärung dessen, was am Tor des Jaffa passiert war und verschaffte sich so Zeit, um über alles nachzudenken.

Dieser, von Wut getrieben, nahm seine Aufgaben indes auf seine eigene Art und Weise wahr. Einige der Bettler, die die Flucht der Gottlosen ermöglicht hatten, waren noch am selben Tag in Arrest genommen worden und De Sable suhlte sich in den flehentlichen Bitten und gequälten Schreien, die sie unter der Folter von sich gaben. Keiner von ihnen hatte den Templer bis jetzt auf die richtige Spur gebracht, aber es befriedigte seine Rachegefühle zumindest zum Teil, sie leiden zu sehen.

 

Das Armenviertel war zu einem einzigen großen Gefängnis verkommen. Soldaten riegelten alle Zugänge zu anderen Stadtteilen ab, akribisch wurde jeder geprüft, der das Viertel betrat oder verließ. De Sable hatte damit gerechnet, doch bald einen Erfolg zu erzielen, war sich aber nach einiger Zeit nicht mehr sicher, ob die Gesuchten Jerusalem nicht schon längst verlassen hatten. Einem Bluthund gleich nahm er jede Spur, jeden noch so kleinen Hinweis auf, brannte Häuser nieder, ließ Frauen und Kinder schänden, aber nichts, absolut gar nichts half ihm,

bei seinen Nachforschungen.

Legte er sich Nachts zum Schlaf, sah er das Gesicht der Hunde vor sich und Robert de Sable schwor, sie eines Tages zu vernichten. Gott würde seinen Weg leiten.

 

Jadwa kümmerte sich aufopferungsvoller denn je um Malik. Nur unter größten Schwierigkeiten war es ihnen gelungen, ungesehen in sein Haus zu kommen und das Mädchen hätte inzwischen beinahe vergessen wie der Himmel aussah, wenn sie ihn nicht durch die Dachluke stundenlang betrachten hätte können.

Nach der langen Zeit auf engstem Raum mit den beiden Männern lagen ihre Nerven blank. Malik hatte sich zu ihrer Feude weit genug wieder erholt, um zu sprechen, lag aber immer noch kraftlos auf seinem Lager. Jadwa fürchtete um seinen Lebenswillen, denn kein Lächeln, keine lustige Bemerkung kam ihm mehr über die Lippen. Stattdessen pflegte er ihr ständig zu erklären, dass alles was er immer gewesen war und was er sich erhoffte hatte zu sein, nun, da er sich selbst einen Krüppel schimpfte, mit Einemmal vorbei war. Er konnte, wollte nicht sehen, welch großes Wunder an ihm geschehen war, denn nur ein solches konnte Jadwa den Umstand erklären, dass er immer noch lebte.

 

Amir zog sich völlig zurück, er weigerte sich, an Maliks Bett zu treten, sprach kein Wort mit Jadwa und reagierte derart gereizt, wenn sie ihn drängte, dass das Mädchen es bald aufgab. Er konnte seine Wut über das Geschehen dennoch nicht vor ihr verbergen, denn seine Schreie und die lauten Geräusche, die von Zeit zu Zeit aus dem Laden klangen, ebenso wie das Durcheinander, dass er dort hinterließ, zeugten davon, dass er innerlich raste. Es war nur ein einziger Grund, der ihn so lange zurückhielt, nicht das Haus zu verlassen und sich auszutoben: Er fürchtete, seinen Freund zu verraten und die Häscher auf die Spur Maliks zu bringen.

So eingesperrt blieb Amir nur zu Warten, ein Umstand, der ihm noch nie sonderlich gefallen hatte. Es dauerte nicht lange und er begann seine kreisenden Gedanken, die ihn nicht einmal im Traum verließen, mit Alkohol und dem heftigen Gebrauch der Pfeife zu betäuben, was natürlich bei Weitem nicht den gewünschten Effekt nach sich zog.

 

Jadwa hatte Angst vor ihm und bemühte sich, ihm aus dem Weg zu gehen. Maliks hoffnungsloses Gerede war noch leichter zu ertragen als der unberechenbare Amir Ibn La-Ahad, dem sie immer noch nicht anvertraut hatte, was mit Johara passiert war.

Das Mädchen gestattete sich einen Moment der Schwäche, als Malik endlich wieder schlief und weinte haltlos über seinem wie tot wirkenden Körper.

Sie war so verloren gewesen, als Johara sich das Leben nahm. Der Vater hatte den Kummer nicht ertragen und war augenblicklich wahnsinnig geworden. Jadwa wusste nicht wohin mit ihrem Schmerz, nur Malik fiel ihr in ihrer Verzweiflung ein. Mit bangem Herzen war sie in die Stadt gegangen und hatte sein Haus leer vorgefunden.

An einer Bank im Viertel war sie schließlich gestrandet und hatte nachgedacht, als eine vertraute Stimme an ihr Ohr drang. Horatio, ein entfernter Verwandter, den sie nur wenige Male gesehen hatte, war es, der sie auf die richtige Spur brachte und ihr half, gewagte Pläne zu entwickeln. Jadwa hatte sich nie damit auseinandergesetzt, welche Möglichkeiten bestanden, sich gegen die Wächter des Königs zu wehren, sie war ein einfaches Bauernmädchen ohne rechten Mut, aber die Liebe und die Angst, den vielleicht letzten Menschen zu verlieren, der ihr Halt geben konnte, hatte sie groß werden lassen.

Was Malik für die Menschen um sich getan hatte, mochte nicht ohne gewissen Eigennutz gewesen sein, aber er hatte ihnen allen Hoffnung gegeben. Eine Hoffnung, für die sie bereit waren zu kämpfen.

 

Der Tag zog sich länger und länger, Amir hatte das Gefühl, dass die Minuten kaum verrannen. Er war nach einem heftigen Rausch, der Bewusstlosigkeit gleichkam, wieder erwacht und wieder hatte sich nichts an seinen Gefühlen geändert. Neu war ihm allerdings, dass die Wände auf ihn zuzukommen schienen. Er musste hier raus, wenn er nicht völlig durchdrehen wollte, soviel war klar.

Durch die Nebel der Alkoholschwaden und der Leere in seinem Gehirn drang eine Erinnerung.

Der Brief! Malik hatte ihn hinterlegt, falls etwas schiefgehen würde und nun, da tatsächlich etwas passiert war, hatte Amir nicht mehr daran gedacht. Schnell beeilte er sich, in den Laden zu gehen, sein Herz klopfte. Hoffentlich hatte das Mädchen ihn nicht gefunden und weggeworfen, sie ordnete ständig Dinge um und der Novize fühlte sich schon mehr in ihrem Haus als in dem seines Freundes.

Doch der Brief lag mit ungebrochenem Siegel genau an jener Stelle, die Malik beschrieben hatte. Amirs Finger strichen darüber, er wagte nicht, ihn zu öffnen, die Worte waren nicht für ihn bestimmt, aber er fühlte sich, als hätte er einen Weg gefunden, endlich aus dieser Situation zu entfliehen, endlich frei zu sein von sich selbst. Wenn er nur erst im Inneren Kreis der Bruderschaft wäre dann...frustriert setzte Amir sich auf einen Stuhl und ließ den Kopf in die Hände sinken.

Dann wäre nichts anders als zuvor. Jahre war es her, dass sein Weg unter Al-Mualim begonnen hatte und manchmal glaubte er, sich nicht mehr an den Grund zu erinnern. Es war, als wäre sein Leben einfach immer schon so gewesen, als gäbe es keine weit entfernten Erinnerungen eines kleinen Jungen, die zwar von einigen negativen Punkten, jedoch nicht von jener rohen Gewalt geprägt waren, die ihn während der Zeit als Novize verfolgte.

Er war Assassine geworden, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, doch er hatte nicht einmal die Spitze des Eisbergs erkannt. Akkon schien wie ein Teil einer anderen Persönlichkeit, eines anderen Menschen, der er nie hatte sein wollen und an den er sich nun kaum mehr erinnern konnte.

Tiefer Schmerz zeriss ihn, als ihm klar wurde, dass es Zeit war voranzuschreiten und alles hinter sich zu lassen, was ihn jetzt noch an sich hielt. Die Vergangenheit konnte nur besiegt werden, wenn er es schaffte sie los zu werden. Und plötzlich, so als wäre die Antwort immer schon klar vor ihm gelegen, wusste Amir, wie er das erreichen konnte.

 

Malik starrte trübe in die Luft, eine Haltung in der er stundenlang ausharren konnte. Gerne hätte er ein wenig Gesellschaft gehabt, aber Jadwa hatte sich zur Ruhe gelegt und er brachte es nicht übers Herz sie zu wecken. Beschämt musste er sich eingestehen, dass er sie schon beinahe vergessen hatte, während sie jeden Tag, jede Stunde mit ihren Gedanken nur bei ihm gewesen war.

Damals, er benutzte jetzt immer dieses Wort, wenn er an die Zeit vor dem "Unfall" dachte, war sie nur eine unter vielen für ihn, ein hübsches Gesicht mehr gewesen, dessen Schöhnheit er so lange in sich aufsog, bis er sich daran satt gesehen hatte. Alles war damals so gewesen, aus jedem um sich hatte er die Gefühle gezogen, die er selbst nicht empfinden konnte.

Für Malik hatte sich niemals die Frage gestellt, ob er jemals etwas anderes sein wollte als ein Assassine. Von klein an hatte er davon geträumt, hatte sich redlich bemüht, war Schüler des großen Cihan geworden. Aus diesem Grund fühlte er sich, als wäre mit einemmal der Boden unter seinen Füßen zusammengebrochen, und er fiel ins Leere. Ein Krüppel war alles, was von ihm geblieben war, ein armloser Mann ohne Aufgabe und er scheute den Gedanken, ab nun wohl immer Hilfe für einige Tätigkeiten zu brauchen.

Welche Frau konnte einen Mann lieben, der derart entstellt war? Was bewog Jadwa, ihn nicht einfach zu verlassen? Malik wusste, dass dies wohl das größte Wunder war, das er jemals erfahren durfte. Er würde sie nie wieder gehen lassen.

Nach einem neuen Zentrum des Starrens suchend strich sein Blick über die Wände und traf die Tür.

 

Amir war absichtlich leise gewesen. Einerseits suchte er nach den rechten Worten, sich bemerkbar zu machen, andererseits fühlte er, dass es ihm nicht zustand, Maliks schwebende Gedanken zu unterbrechen, ihm, der so lange den Kontakt gescheut hatte. Es hätte Amir nicht gewundert, wenn sein Freund ihn mit Flüchen aus dem Zimmer gejagt hätte.

Aber Malik hatte sich, auch wenn er das glauben mochte, in seinem tiefsten Inneren kein bischen geändert. Die Überraschung, seinen Schüler zu sehen, ließ ihn einige Minuten sprachlos, schließlich aber brach er den Bann, indem er ein wenig zur Seite rückte und auf die frei gewordene Stelle klopfte. Der Stelle, an dem sein Arm hätte sein müssen. "Setz dich!" Amir zögerte, kam schließlich näher, blieb jedoch neben dem Bett stehen.

"Ja, sieht ziemlich übel aus, aber wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, ist es vielleicht gar nicht so schlecht!" Der Ältere musste sich bemühen, belustigt zu klingen, wusste aber, dass er Amir so über die Beklommenheit helfen konnte. Es hatte immer schon so zwischen ihnen funktioniert. "Was Jadwa da wohl immer redet! Ich kann nicht sagen, dass du deinen Humor eingebüßt hast!" antwortete Amir. "Hm...du hast auch bis jetzt nicht mehr als einen Satz von mir vernommen. War ich wirklich so schlimm? Sie schien immer bemüht um Fröhlichkeit, die nicht dem Herzen entspringt...". "Das warst du wohl. Aber sie liebt dich!" Malik vermied es, seinen Freund anzusehen. "Ich weiß, aber verstehen kann ich es nicht!"

Sie schwiegen gemeinsam, eine Fähigkeit, die Amir sehr an dem anderen schätzte. Es war leicht Menschen zu finden, mit denen man reden konnte, aber ein Moment der Stille in völliger Übereinkunft der Gedanken forderte einen wahren Freund. Unter diesem Detail klang seine Stimme ehrlich traurig, als er beschloss, das Unvermeidbare nicht länger hinauszuziehen.

"Malik, ich werde gehen. Es gibt da etwas, eine letzte Sache die ich noch wissen muss, bevor ich zu Al-Mualim zurückkehre. Ich werde nach Akkon reiten!" Malik musste sich aufsetzten um Amir an der Hand zu nehmen, zog ihn dann jedoch mit überraschender Kraft an den Rand des Bettes und zwang ihn, sich zu setzten. "Was ich zu sagen habe, könnte eine Weile dauern, also machs dir bequem!" "Unter einer Bedingung, deine Finger bleiben auf DEINER Seite!" grinste Amir.

 

Malik sollte recht behalten. Es war früher Nachmittag, als er begann, Amir von seinem Vater zu erzählen, und es mochte bereits spät in der Nacht sein, als seine Schilderungen an einen Punkt gelangten, an dem der Junge das erste Mal Fragen stellte.

"Was wollte Cihan in Akkon?" Amir vermied es, das Wort Vater auszusprechen, was sein Freund mit einem leichten Anflug von Bedauern feststellte. "Sei nicht so hart, Amir. Er war ein großer Mensch. Er kam nach Akkon, um dich zu sehen. Und Allada." "Das hätte er all die Jahre zuvor auch tun können. Warum erst, als wir zehn waren?" Malik wollte antworten, hustete jedoch und bat um einen Schluck Wasser. Es verschaffte ihm Zeit zu überlegen, wie er Amir vorsichtig an die Wahrheit heranführen sollte.

"Wir waren auf dem Weg in die Stadt, um dich nach Maysaf zu holen. Cihan hatte es immer schon gewollt, doch er respektierte den Willen deiner Mutter. Sie schlossen...eine Art Vetrag, bevor sie ging. Sie kamen überein, dass er erst wieder in dein Leben treten würde, wenn du verstehen könntest, was geschehen war. Leiala hat sicher gehofft, er würde noch lange damit warten. Aber er selbst zählte die Tage von dem Moment an, als du aus Maysaf weggebracht wurdest."

"Du willst sagen, ich bin in Maysaf GEBOREN?" Noch nie hatte Amir darüber nachgedacht, wo er das Licht der Welt erblickt haben mochte, die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Doch es sollte mehr kommen. Malik seufzte, als er sprach: "Mehr noch, mein Freund, du bist so etwas wie eine Prophezeihung. In unserer Heimat werden viele Kinder geboren, aber selten eines erregt so viel Aufmerksamkeit wie du damals." Der Junge hatte sich aufgesetzt und kaute abwesend an seinen Nägeln. Für Malik schien er in diesem Moment beinahe wieder kindlich, doch darauf konnte er keine Rücksicht mehr nehmen. Amir musste alles erfahren.

"Al-Mualim hat die Ehe deiner Eltern geweiht. Bei Allah, er hat wirklich lange versucht, Cihan von deiner Mutter fernzuhalten. Er sah sie als Bedrohung, schließlich lenkte sie deinen Vater ständig von seinen Aufgaben ab. In jenem Moment jedoch, als er erfuhr das sie schwanger war, gebot er Cihan sie zu heiraten und ließ sie in der Nacht der Geburt auf die Burg bringen. Niemand hat je recht verstanden, was das sollte. Als sich später herausstellte, dass Cihans erstes Kind ein Sohn war, hat Al-Mualim etwas wahrhaft merkwürdiges gesagt. Du würdest irgendwann wie ein Adler sein, der seine Schwingen ausbreitet und du wärst heilig, denn du wärst unter dem Zeichen der Assassinen geboren."

Wieder Stille. Jadwa regte sich im Schlaf, doch ihre Erschöpfung forderte Tribute.

"Nun gut, wenn ich denn so <heilig> war, warum ließ er mich dann beinahe verrecken?" In Amir brannte Wut. Er stand auf und wanderte stampfend umher. Jadwa erwachte endgültig.

"Malik!" Sie erschrak heftig bei seinem Anblick. "Ist alles in Ordnung?" Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen winkte er sie zu sich und küsste sie innig. "So wie es nur sein kann, meine Liebste. Würdest du mir und meinem Schüler noch einige Zeit der Einsamkeit gewähren?" Wiederstrebend zog sich Jadwa zurück und hoffte, das Amir sich zusammenreißen würde.

 

Als sie wieder allein waren, konnte dieser jedoch seiner Wut endlich freien Lauf lassen. "Verdammt Malik, hat er von allem gewusst? Hat er gewusst wie wir zu leben gezwungen waren? Wie Mohammad meine Mutter gepeinigt hat, meine Schwester und auch mich? Hat er einfach still zugesehen, bis ich es nicht mehr aushielt, um mich dann zu entführen und mir alles zu entreißen das ich hatte?" Ein Krug fiel donnernd zu Boden. "Ich spuke auf ihn, diesen Heuchler!"

Maliks Stimme blieb ruhig. "Vergiss nicht, dass ICH es war, der dich <entführt> hat. Es war kompliziert, Amir. Deine Mutter war nicht von Al-Mualims Handeln begeistert. Ihre Liebe hat nicht gereicht, um über das Wirken deines Vaters hinweg zu sehen und ich kann das voll verstehen. Keine Frau sollte so leben müssen. Keiner wusste, wann er kam, keiner wo er war, oft zweifelte man daran, dass er überhaupt noch lebte. Sie hatte Angst, dass du auch eines Tages so sein würdest. Sie kannte Cihans Liebe, aber auch seine Schattenseiten. Und als sie begann, diese auch in dir zu sehen, wollte sie dich in Sicherheit bringen. Du warst schon als Kleinkinder stur, eigensinnig und irgendwie...anders. Welch ein Wahnsinn, eine Frau alleine mit zwei Kindern, und sie verließ über Nacht Maysaf. Al-Mualim tat alles, um sie aufzuhalten, aber Cihan bat ihn, sie gehen zu lassen. Sie musste ihm nur versprechen, dass sie dich gehen lassen würde, wenn er dich einst bitten würde, mit ihm zu gehen."

 

Amir sank auf den Boden, er musste sich die Hände an die Brust pressen, um seinen Atem zu beruhigen. "Sie haben mit mir gespielt! Alle haben sie mich hin und her geschoben, wie es ihnen gerade passte! Niemand hat mich je gefragt, ob ich bei ihr sein wollte! Ich habe auf ihn gewartet, Malik, verdammt," er schrie auf, "nächtelang habe ich als Junge auf ihn gewartet, auf den großen Retter der uns befreit!"

Vorsichtig, mit größter Anstrengung verließ Malik sein Bett. Er kniete neben Amir nieder und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Beruhige dich, mein Freund." Langsam wurde der Atem des Jungen gleichmäßiger.

"Cihan konnte deiner Mutter keinen Wunsch abschlagen und auch er war befremdet von Al-Mualims Interesse an dir. Er wollte dich erst unter dessen Fittichen wissen, wenn du alt genug wärst selbst zu entscheiden. Glaub mir, dein Vater brannte vor Wut, als er erfuhr, was dein Großvater euch allen antat! Er hat deiner Mutter geschrieben und verlangte, dass sie euch herausgeben sollte, aber Leiala flehte ihn an noch zu warten. Ihr wart alles, was sie hatte. Irgendwann hat Cihan es nicht mehr ausgehalten. Er beschloss nach Akkon zu gehen, und ich ritt mit ihm. Er wollte euch retten, Amir, er kam jedoch fast zu spät."

"Diese Männer, die uns überfallen haben, es waren Templer, nicht? Sind sie ihm gefolgt?" Malik half seinem Schüler auf und trat an das Fenster, den Blick verschleiert als sähe er die Geschehnisse der alten Tage vor sich.

 

"Nein, ich war es, der erfuhr, was sie vorhatten. Cihan war zum Markt gegangen, um dich und Allada endlich zu sehen. Während dessen durchstreifte ich die Stadt und belauschte einige Wachen. Sie sprachen über einen Händler, der einen Templer im Geschäft geprellt hatte und dafür brennen sollte. Als ich Cihan davon berichtete, war ihm sofort klar, dass das nur dein Großvater sein konnte. Er war wie von Sinnen!" Ein Schauder durchfuhr den Assassinen, als er an die Reaktionen seines Lehrers dachte.

"Sofort trafen wir Vorbereitungen, euch zu retten. Keine Ahnung warum, aber Cihan war davon überzeugt, das du Allada aus dem Haus bringen würdest. Er sagte, du würdest erkennen was vor sich ging, du wärst sein Fleisch und Blut und könntest mit seinen Augen sehen. Deine Mutter war es, um die er bangte. Ich hielt es für Wahnsinn, dass er sie alleine retten wollte, doch ich war sein Schüler, und er gab mir einen Befehl! Ich sollte euch beide finden und aus Akkon wegbringen, egal wohin, nur weit genug weg von den Grenzen der Stadt."

Amir war neben ihn getreten und folgte dem ziellosen Blick. "Er wollte nicht, dass du mich nach Maysaf bringst?"

"Zumindest hat er das nicht gesagt. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es sein Wunsch war, und der Brief an euch hat es bestätigt. Ich weiß nicht, ob deine Mutter schon tot war, als wir das Haus endlich erreichten, ob er versuchte, sie zu befreien oder einfach aus Rage ihre Mörder tötete. Aber er ist nicht geflüchtet, soviel steht fest. Er war bei ihr, als er starb."

 

Malik endete und hoffte, nicht zuviel gesagt zu haben. Das Kerzenlicht flackerten gespenstisch in den Augen seines Freundes und hinterließ die Vision einer brennenden Gestalt, hell abgehoben von den Schatten der Nacht.

"Amir, deine Vergangenheit ist, womit du fertig werden musst, wenn du endgültig beschließt, ein Assassine zu werden. Lass sie ruhen und geh deinen Weg, wohin auch immer er dich führt!"

Nicht zum ersten Mal vernahm Malik Worte aus Amirs Mund, die ihm nicht gefielen, doch diesmal schien ihm die Stimme des Novizen noch um eine Spur kälter. "Nein, mein Freund. Ich werde die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Ich werde sie auslöschen, ein für alle Mal. Morgen reite ich nach Akkon, und dann geht alles jenen Pfad, den es wohl immer schon hatte nehmen sollen!"

 

Shaitans Wiehern war ein Ausdruck von Freude und Amir konnte ebenfalls nicht umhin, sich beim Anblick seines Hengstes gut zu fühlen. Freundschaftlich tätschelte er ihm den Hals und kraulte das weiche Maul, dass sich sofort auf seine Schulter legte. Ismael sah dem Treiben misstrauisch zu und war erstaunt, als der Mönch dem Teufel die Augen verband. Der Trick wirkte und Minuten später sah der Stallbesitzer nur noch eine Wolke aus Staub, in die sich das unheilvolle Tier und sein nicht weniger erschreckender Reiter hüllten, als sie in donnerndem Gallopp Jerusalem verließen. Eigentlich hätte Ismael gerne gewusst, wer der Fremde war, aber in Gedenken an ruhige Nächte stellte er keine Fragen.